Einblick in die Schulgeschichte

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Einblick in die Schulgeschichte 2017-12-16T21:47:44+00:00

80 Jahre Goetheschule Gießen (1884-1964)Einblick in die Schulgeschichte
Ein Artikel aus einer Festschrift aus dem Jahr 1964, anlässlich des 80 jährigen Bestehens der Goetheschule:

Es war im Sommer 1963, als sich einige Mitglieder des Schulelternbeirats darüber Gedanken machten, wie alt denn überhaupt die Goetheschule sei. Veranlassung zu diesen Überlegungen gab das von Werner Stephan herausgegebene Büchlein „Zur Geschichte der Volksschulen der Universitätsstadt Gießen“. Fest stand, dass die heutige Goetheschule in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erbaut wurde.

Nur über das Jahr war man sich noch nicht einig. Die Quellen, aus denen wir dachten etwas schöpfen zu können, sind durch den Krieg schwer getroffen worden.

„Ehemalige“ sind in alle Winde zerstreut. Aber wir gaben die Suche nicht auf. Durch einen Zufall nahmen wir davon Kenntnis, dass Stadtbaumeister Stief im Juli 1885 der Stadtverordnetenversammlung den Plan für die Erbauung eines Schlachthauses vorlegte, ferner, so heißt es in der Mitteilung, den Plan zur Erbauung einer Turnhalle bei der neuen Schule an der Westanlage. Vier Monate später (am 18. November 1885) beschließen die Stadtverordneten unter Punkt 6 der Tagesordnung den Einbau von „Schülertoiletten an der neuen Stadtmädchenschule“.

Demnach muss diese „neue Stadtmädchenschule“ in der Westanlage im Jahre 1884 erbaut worden sein. Der Bauplan für diese neue Mädchenschule wurde bereits am 16. Mai 1883 von Stadtbaumeister Stief erstellt. Am 3. April 1884 hatte sich die Stadtverordnetenversammlung sehr eingehend mit dem Bau der Schule beschäftigt. Sie konnte den aus dem vorjährigen Budget vorgesehenen Betrag von 55 000 Mark zwar noch nicht verwenden, weil „der gutheißende Plan für das zu erbauende Gebäude noch nicht höheren Orts“ genehmigt wurde. Aber am 10.August 1884 schien man sich einig geworden zu sein, denn an diesem Tag vergaben die Stadtverordneten die Arbeiten für den Rohbau.

Hier tritt die Vermutung auf, dass bereits vor der Vergabe mit den Arbeiten begonnen wurde, denn Frau Luise Henkel, die sich an die Einweihungsfeierlichkeiten noch gut erinnern kann, meinte, dass „es bereits sehr herbstlich gewesen si, als Schulrat Büchner die Festrede hielt und wir dann anschließend die neu erbaute Schule und unsere Klassenräume mit den vielen anderen Gästen und Eltern besichtigen durften“. Überhaupt soll dieser Tag ein großes Ereignis für Gießen gewesen sein.

„Es war die schönste Schule weit und breit und oft erschienen „hohe Herren“, um sich diese Schule anzusehen“. Dass diese Schule etwas ganz besonderes gewesen sein muss, entnehmen wir auch einem Bericht, der 40 Jahre später erschien. Dort hieß es, dass eine Wetzlarer Deputation nach Gießen gekommen sei, um die frühere Bezirksschule zu besichtigen, weil „doch gerade in Wetzlar noch keinerlei Erfahrung im Neubau von Schulen gemacht werden konnte, da bisher immer nur schulfremde Gebäude zu Volksschulen umgebaut wurden“.
1887 besuchen bereits 802 Gießener Mädchen die „Neue Schule“.

Einblick in die SchulgeschichteDies bestätigte uns auch die „Schülerin“ Anna Dräbing (jetzt verwitwete Grosser), die in der Zeit von 1891 bis 1895 die Schule besuchte. Vorher ging sie einige Jahre in die „Höhere Mädchenschule“. Aber durch den frühen Tod ihres Vaters konnte ihre Mutter nicht mehr das dafür notwendige Schulgeld aufbringen.

So wechselte sie in die “Neue“ über. Sie erinnert sich gern an ihre Schulzeit, ja sogar so gern, daß sie noch heute im Besitz ihres Zeugnisses ist, das sie uns zur Verfügung stellte. Schulleiter war Herr Oberlehrer Fuhr und den Ausdruck „Rektor“ hätte man zu dieser Zeit für eine Volksschule nicht gekannt.

Überhaupt sei es damals viel ruhiger gewesen, denn der Gießener Omnibus, der noch von zwei Pferden gezogen wurde, verursachte kaum Lärm. Weiter entnehmen wir den leider so spärlich vorhandenen Schulunterlagen, dass 1908 aus der „Neuen Mädchenschule an der Westanlage“ die „Bezirksschule“ für das Bahnhofsviertel wird und ab sofort auch Knaben Aufnahme finden. Unter den drei vorhandenen Gießener Volksschulen befindet sich auch die Bezirksschule, die 1926 einen neuen Namen erhält: Goetheschule.

Die Bevölkerung der Stadt, die 1804 gerade die Zahl von 5.000 erreicht hatte, verfünffachte sich bis zum Jahre 1900 (25.491) und für 1925 stellten wir eine weitere Zunahme um mehr als 8.000 Einwohner fest. Dieses enorme Anwachsen machte in den Jahren 1926 bis 1928 eine Renovierung und Erweiterung dringend notwendig.

Dieser Anbau muss zur damaligen Zeit „Aufsehen“ erregt haben, denn in einem Bericht vom 28.April 1927 heißt es unter anderem: Der ansprechendste Raum aber ist entschieden der große, außergewöhnlich helle Zeichensaal. An den Wänden ringsumher Tafelflächen angebracht, kräftige zweckentsprechende Zeichentische müssen den Schülern das Arbeiten zu einer Lust machen. Allgemeines Erstaunen erregte aber die eingebaute prächtige Bühne mit blausamtene Vorhang in goldgelber Umrahmung. Im Keller befinden sich noch vorbildliche Räume für die verschiedenen Gebiete des Werkunterrichts. Auch die Kleine 10 x 20 m große Turnhalle macht einen Ausgezeichneten Eindruck“.
Seit diesem Bericht sind über 37 Jahre vergangen.

In der Zwischenzeit brauste der 2.Weltkrieg über uns. Auch Gießen erlebte ihn mit allen seinen Grausamkeiten. Eine einzige Nacht zerstörte das, was unsere Vorfahren über 700 Jahre gebaut haben. Gießens Schulen wurden hart getroffen: Die alte Pestalozzischule wird zerstört, die Schillerschule stark beschädigt und die Goetheschule verliert ihre Turnhalle. Der Unterricht fällt zum größten Teil aus. Zunächst wird die Schule zum Lazarett, später eine Truppenunterkunft. Erst im Oktober 1945 kann der Schulbetrieb wieder eröffnet werden.
Lassen wir über diese Zeit Schulrat i.R.Dr. Adam Scheurer zu Wort kommen; er erzählt uns aus dieser Zeit:

Einblick in die SchulgeschichteAls die amerikanischen Truppen Ende März 1945 in Gießen einrückten, war von einem geordneten Schulbetrieb schon lange keine Rede mehr. Durch die zunehmende Heftigkeit des Luftkrieges waren viele Familien mit ihren Kindern abgewandert. Ganze Klassen wurden mit ihren Lehrern auf umliegende Dörfer verlegt worden. Das Verbot des Schulunterrichts durch die Besatzungsmacht bestätigte also nur den längst vorher eingetretenen Zustand. Die Wiederaufnahme des Unterrichts konnte aber nicht so erfolgen, daß die Schüler sich einfach wieder in die Schule einfanden, wie nach den Ferien; denn es fehlten die Schulräume, die Schuleinrichtung und die Lehrpersonen. Die Zahl der schulpflichtigen Schulkinder wurde durch eine Schüleraufnahme festgestellt.

Das Gebäude der Goetheschule, das ebenfalls Schaden gelitten hatte, musste als einziges Schulhaus für die Volksschüler der Stadt Gießen hergerichtet werden. Noch spärlich vorhandene Lehr- und Lernmittel wurden sichergestellt. Alle Lehrpersonen wurden auf ihre politische Zuverlässigkeit durch die Militärregierung überprüft.

Der Tag der Wiedereröffnung der Schulen brach endlich an. Am 01. Oktober 1945 um 09:30 Uhr öffnete die Goetheschule für die Volksschüler die Pforten. Aus diesem Anlass fand im Hofe der Goetheschule eine schlichte Feier statt. Nach dem Vortrag der „Worte des Glaubens“ von Schiller begrüßte ich alle anwesenden Kinder wie folgt:

„Liebe Kinder, liebe Eltern!

Zur Feier der Wiedereröffnung der Volksschulen in Gießen begrüße ich zunächst Cpt. Brunner, den Erziehungsoffizier bei der Militärregierung in Gießen, der soeben bei der Veranstaltung anlässlich der Wiedereröffnung der höheren Schulen im Gloria-Palast anwesend war und nun auch unsere kleine Feier beehrt. Ich begrüße ferner den Oberbürgermeister der Stadt Gießen, Herrn Dr. Dönges, der, ebenso wie bei den Schülern der höheren Schulen, auch bei den Schülern der Volksschulen dabei sein will, da der Tag gekommen ist, an dem ein regelmäßiger Unterricht wieder anlaufen soll. Besonders herzlich begrüße ich die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche, die von nun an wieder als Religionslehrer in den Volksschulen tätig sein können. Als Stadtschulrat danke ich der Stadtverwaltung aufrichtig für ihre Mühewaltung bei der Herrichtung des Hauses der Goetheschule. Leider können von den Gießener Volksschulen zwei Häuser nicht mehr benutzt werden.
Alle Schüler und Schülerinnen müssen deshalb in dem Hause der Goetheschule unterrichtet werden. Es handelt sich um circa 2300 Schulpflichtige Kinder.

Für viele bedeutet das, dass sie einen sehr weiten Schulweg haben, dass die Unterrichtszeit eine andere sein wird wie früher, und dass sie nicht mehr in ihre früheren Klassen zurückkommen. Aber das alles wollen wir in Kauf nehmen.

Liebe Kinder!

Ihr wartet jetzt eine sehr lange Zeit ohne Schulunterricht, ihr habt zum Teil vieles verlernt, Ihr seid „lernen“ nicht mehr gewöhnt. Jetzt werdet ihr aber regelmäßig und systematisch unterrichtet. Die neue Schule will Euch neben und mit Euren Eltern auch erziehen, erzieht zu Fleiß und Wahrhaftigkeit, zu Gehorsam und Ehrfurcht. Fleißig müßt Ihr sein und stets die Wahrheit lieben, gehorsam müsst Ihr sein und vor allem wieder Ehrfurcht haben von den Menschen und vor Gott und seiner Schöpfung. Wenn Ihr so Menschen werdet, die etwas in der Schule gelernt haben, die etwas können, aber auch Menschen, die fleißig und wahrheitsliebend, folgsam und ehrfürchtig sind, dann werdet ihr brauchbare Menschen im späteren Leben sein.

Auch Euch, liebe Eltern, bitte ich:

Unterstützt die Arbeit der Schule, sie will Euch nur helfen bei der Erziehungsarbeit der Jugend. Die Schule will aus Euren Kindern Menschen machen mit Wissen und Können, Menschen, die Charakter haben und als Glieder der menschlichen Gesellschaft ihre Pflichten kennen und auch erfüllen. Die heutige Schule will nicht Herrenmenschen und auch nicht Herdenmenschen erziehen, sondern selbstverantwortliche, friedliebende Menschen, die auch vor den Leistungen anderer Völker Achtung haben. Das Ziel muss sein, die Liebe zum eigenen Volke und das Gefühl für nationale Würde mit der Achtung vor fremder Art zu verbinden.

Schließlich noch ein Wort an die Lehrerinnen und Lehrer.

Ich weiß, dass Ihre Arbeit nicht leichter sein wird, ich weiß, dass sie die Verantwortung von zwei oder drei Klassen von Schülern übernehmen müssen, ich weiß, dass Sie unter dem Mangel an Lehr- und Lernmitteln leiden werden, aber ich weiß auch, dass Sie Liebe zu den Kindern haben, Freude am geistigen Gestalten und den Glauben an die Wirksamkeit der Erziehung. Und wenn Sie das haben, dann werden Sie alle Schwierigkeiten schon meistern. So wollen wir denn unsere Arbeit beginnen! Eltern und Lehrer sollen gemeinsam arbeiten am Geist, der Seele und dem Charakter der Kinder, die unsere Zukunft tragen sollen, denn wir wissen alle, dass von der Haltung und der Tatkraft des nachwachsenden Geschlechts die Wendung zum Besseren abhängt.“

Nach weiteren kurzen Ansprachen von Cpt. Brunner und Oberbürgermeister Dr. Dönges und einem Gedicht Vortrag schloss die Feier mit einigen Mitteilungen, die die Schulordnung betrafen.

Da die nationalsozialistischen Lehrbücher nicht mehr benutzt werden konnten, ließ ich für die Kinder der Unterstufe Lesebogen abziehen und verteilen. Die Schüler der Oberstufe erhielten Lesebücher, die im Auftrag der obersten Befehlshaber der alliierten Streitkräfte herausgegeben worden waren. Wie groß die äußere Not der Lebens-, Wohn- und Bekleidungsverhältnisse der Schulkinder gewesen war, davon können wir uns heute kaum noch eine Vorstellung machen.
Etwa ein Drittel der Kinder musste wegen Mangel an Schuhen, mangelhafter Kleidung oder wegen zu starker Unterernährung dem Unterricht fernbleiben.

Es gelang mir lediglich, einige hundert Berechtigungsmarken für die Besohlung von Kinderschuhen verteilen zu können. Die physisch-psychische Konstitution der Kinder war allgemein stark geschwächt und voller Labilitätserscheinungen.

Die von der Militärregierung zugelassenen Lehrpersonen führten zwei oder drei Klassen und waren für 100 bis 150 Kinder verantwortlich. Durch die Einstellung von Schulhelfern, die in Wochenendlehrgängen von mir in die Unterrichts- und Erziehungsarbeit eingeführt worden sind, konnte allgemein die Belastung der einzelnen Lehrer vermindert werden. In solchen Lehrgängen wurden für die Stadt und den Landkreis Gießen über 100 Schulhelfer ausgebildet, die später natürlich reguläre Kurse besuchen mussten, um ihre 1.Staatsprüfungen ablegen zu können.
So begann am 01. Oktober 1945 in der Goetheschule in Gießen mühsam und notvoll der Wiederaufbau des Volksschulwesens.

Das Ausmaß der Katastrophe und die Bitterkeit der Opfergänge, zu denen wir verurteilt waren, enthüllte uns damals Gericht und Urteil der Geschichte über das Werk des Nationalsozialismus. Aber die Schmerzen dieser Zeit waren nicht die Qual der Agonie, sondern die Wehen, die eine Geburt begleiten.

Diesen Worten haben wir nichts mehr hinzuzufügen.